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Normale Version: Das Buch des Sklaven
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Das Buch des Sklaven

Er lockerte seine Krawatte und entfloh der miefigen Arbeitswelt in seiner Kanzlei. Draußen begann es bereits zu dämmern und er bedauerte, dass er es selten früher in den wohlverdienten Feierabend schaffte. Sein Kopf schmerzte vom Grübeln und endlosen Gesprächen mit gestressten Klienten. Hoffentlich bestand Saria nicht auch noch darauf, dass Gespräch von gestern wieder aufzugreifen. Er stöhnte genervt bei dem Gedanken daran, zerrte seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und legte den Weg zu seinem Auto mit schnellen Schritten zurück.

„Warten Sie.“ Eine helle Frauenstimme ließ ihn innehalten.
Er drehte sich in die Richtung, aus der er sie vernommen hatte.
„Ich möchte Sie nicht lange aufhalten. Nur einen winzigen Moment.“ Die Frau lächelte freundlich und streckte ihm ein Buch entgegen.
„Was ist das?“
„Vielleicht finden Sie dort die Antwort auf Ihre Fragen.“
„Zeugen Jehovas?“ Seine Stimme bekam einen harten Unterton.
Zu seiner Überraschung lachte die Frau ein sympathisches, erheiterndes Lachen. „Nein, bestimmt nicht. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie nehmen dieses Buch hier mit und lesen es. Gefällt es Ihnen, dürfen Sie es behalten. Mögen Sie es nicht, geben Sie mir zurück. Legen Sie es einfach abends dort hin, wo wir beide uns im Moment unterhalten. Ich werde es mir holen.“
Er runzelte die Stirn. „Ist das irgendeine Masche? Gehe ich ein Abo ein?“
„Lesen Sie es. Dort stehen die Antworten auf alle ihre Fragen – nicht nur auf diese. Es ist ohne Risiko für Sie.“ Die Frau lächelte wieder, drehte sich um und ging.
Nachdenklich öffnete er die Autotür und warf das Buch neben sich auf den Beifahrersitz. Warum auch immer diese Frau ihm das Buch gegeben hatte, eins war ihm klar: Sie tat es nicht aus Nächstenliebe. Irgendetwas wollte sie von ihm. Und er spürte, wie es in seinem Körper kribbelte. Er liebte es, ein Rätsel zu lösen, Geheimnisse zu ergründen - der Grund, warum er Anwalt geworden war. Damals, als er noch die Illusion hatte, damit glücklich zu werden. Damals, als ein glückliches Ende nicht vom Preis abhing.
Während der Fahrt musste er immer wieder an das Gespräch mit der Frau denken. Die Neugier fraß sich in ihm fest. Er dachte kurz über eine Parkmöglichkeit nach, die ihn ebenso vor Störungen schützte.
Nach ein paar Minuten Grübeln fand er einen Parkplatz am Waldrand. Sollte er Saria anrufen, um ihr zu sagen, dass er später kommen würde? Sie würde Fragen stellen, die er zur Zeit nicht beantworten wollte. Stattdessen griff er zu dem Buch auf dem Beifahrersitz. Es hatte einen schwarzen Ledereinband, ohne einen Titel oder einen Autor- oder Verlagsnamen. Einfach nur ein schwarzes Lederbuch. Dem Geruch nach zu urteilen war es echtes Leder. Niemand würde ein so wertvolles Buch weggeben.
Etwas in seinem Körper prickelte, wie es schon lange nicht mehr geprickelt hatte. Mit seiner Zunge befeuchtete er seine Lippen, bevor er aufgeregt das Buch aufschlug. Er stutzte. Die Worte in dem Buch waren nicht gedruckt. Sie wurden auch nicht mit einem Kulli niedergeschrieben. Jemand hatte ganz akribisch jeden Buchstaben in einer schönen geschwungenen Form mit einer roten Tinte niedergeschrieben. War es wirklich Tinte? Das Rot brach leicht zu den Seiten aus. Vielleicht war die Tinte ja einfach zu flüssig gewesen. Irgendein Witzbold fand es so sicherlich atmosphärischer.
Wahrscheinlich würden die Worte auch besonders hochgestochen klingen. Er verdrehte innerlich die Augen. Seine Augen wanderten über die Seite und blieben an einer Stelle hängen.

Ich hatte ewig gesucht, aber gefunden habe ich nur weitere Fragen. Wohin mein Weg mich auch führte, ständig gesellten sich neue hinzu – bis ich irgendwann keine Fragen mehr stellte. Erst als ich diesen Schritt getan hatte, war ich bereit für die Antworten. War ich bereit für MEINEN eigenen Weg.

Ein interessanter Ansatz, wenn auch nicht umsetzbar. Er schüttelte den Kopf. Ein Leben ohne Fragen – wie konnte so etwas existieren? Wo Antworten sind, mussten schließlich auch Fragen existieren.

Mein Weg führte mich in Tiefen, die ich früher als absurd bezeichnet hätte. Wie kann ein Mann sich so aufgeben? Aber ist ein „Aufgeben“ nicht auch die Bereitschaft, einen neuen Weg zu gehen? Und bleiben wir nicht manchmal auf den unseren Wegen, weil wir uns vor dem Neuen, Unbekannten fürchten?
Ich war skeptisch, als mir eine Frau dieses Buch in die Hand drückte. Sie tauchte wie aus dem Nichts auf, als ich auf dem Weg zu meinen Wagen war.
„Warten Sie.“ 2 simple Worte, die mein Leben für immer veränderten.


Er legte das Buch zur Seite. Was wurde hier gespielt? Machte sie sich einen Scherz daraus, diese Szene mit ihm nachzuspielen? Seine Hände wurden feucht und er runzelte erneut die Stirn. Es gab nur einen Weg es herauszufinden. Vielleicht sollte er dennoch das Fenster runterkurbeln und das Buch auf Nimmerwiedersehen hinauswerfen. Doch etwas hielt ihn davon ab. Unterhaltungsbücher hatten ihn noch nie sonderlich interessiert, aber dieses hier forderte ihn geradezu dazu heraus, es zu lesen. Der kleine Junge, der stundenlang mit den anderen Kindern Detektiv gespielt hatte, erwachte in ihm. Es war lange her, dass ihn etwas wirklich gereizt hatte, lange her, als er sich zuletzt so lebendig und kribbelig gefühlt hatte.
Er schlug das Buch zu und startete den Wagen. Und redete sich ein, dass er sich auf Saria freute.

Laut Wetterbericht musste er sich auf Temperaturen von über 30 Grad einstellen. Wenigstens blieb ihm an diesem Wochenende etwas Zeit, um das Wetter zu genießen. Nur Sarias Blicke hinderten ihn daran, sich wirklich zu freuen. Sie wollte ein Baby, schon seit vielen Jahren. Wie um Himmels Willen sollte er ihr begreiflich machen, dass er Angst vor der Verantwortung hatte? Er war ein gestandener Mann, Anwalt, erfolgreich, eine Respektsperson. Seine Worte würden grotesk klingen.
Sie ging ihm aus dem Weg und er zog sich mit dem schwarzen Lederbuch zurück. Ungeduldig blätterte er darin und fragte sich, warum er es nicht von Beginn an gelesen hatte.

Dieses Buch wird dein Leben verändern. Es wird dich an dir und deinem Leben zweifeln lassen, vielleicht findest du es auch lächerlich. Aber du solltest es lesen. Jedes Wort in diesem Buch ist ein wichtiger Stein im Puzzle deines Lebens. Und du kannst es nur verstehen, wenn du es aufmerksam liest. Du wirst begreifen, warum ausgerechnet DU dieses Buch bekommen hast. Aber Verstehen ist ein harter und langer Weg. Es gibt nur einen Grund dieses Buch zu lesen. Dieser Grund bist du selber. Sehnst du dich nach dem Begreifen, danach, einfach loslassen zu können? Sehnst du dich nach dem kleinen Jungen, der die Welt aus großen Augen betrachtet hat? Für den jeder Tag mit einem Abenteuer verknüpft war? Der geborgen in sich selber war? Wenn du diese Fragen bejahen kannst, solltest du das Buch lesen, aber entscheide mit Bedacht. Lässt du dich darauf ein, wirst du die Konsequenzen tragen. Erst am Ende dieses Buches wirst du begreifen, wie kostbar sie sind und wie sehr sie dein Leben bereichern werden. Scheust du dich davor oder willst schlichtweg kein Risiko ohne Fakten eingehen, bringe das Buch innerhalb von drei Tagen wieder zurück an die Stelle, an der du es bekommen hast. Lass es dort zurück, aber sei dir bewusst, dass du damit auch die Antworten zurückweist.



Fortsetzung folgt...
2. Teil

Eine interessante Idee, um den Leser zu fesseln. Ein Buch, dass ihn ganz persönlich ansprach. Andererseits verschenkte niemand so ein Buch. Wieder dachte er an den Ledereinband und fuhr mit den Fingern darüber.
Wie aus dem Nichts tauchte ein Gedanke auf. Was, wenn die Frau nicht nur die erste Szene mit ihm spielte. Vielleicht handelte es sich bei dem Buch um eine Art Drehbuch zu einem perfiden Spiel. Wenn es so war, befand er sich bereits mittendrin. Ein ungutes Gefühl überkam ihn. Das Buch verlor seinen Reiz und er schlug es zu und legte es in seine Schreibtischschublade. Erst dann begann sein hämmerndes Herz sich wieder zu beruhigen. Blödsinn, du machst dir fast in die Hosen – wegen einem Buch? Irgend so eine Tante kam sich wohl mächtig toll dabei vor, es dir zu geben.
Wie würde er in einem Fall reagieren? Er würde es genau untersuchen. Gab es irgendwelche Anhaltspunkte auf einen Besitzer? Ein Kürzel oder eine Adresse... Vielleicht verdeckte der Ledereinband ja auch wichtige Informationen. Wenn das alles nichts brachte, würde er es normalerweise auf Fingerabdrücke und sonstige Spuren prüfen lassen. Allerdings gehörte das Buch nicht zu einem seiner Fälle, wodurch er es nicht untersuchen lassen konnte.
Er holte das Buch aus der Schreibtischschublade hervor, schlug die erste Seite auf und prüfte sie. Eine Seite nach der anderen musste seinem Adlerblick standhalten. Seine Aufmerksamkeit bekam nach dem dritten Viertel des Buches jedoch deutliche Mängel. Plötzlich endete die Schrift. Mehrere Seiten warteten geduldig darauf, gefüllt zu werden. Adrenalin jagte durch seinen Körper. Eine Geschichte ohne Ende, nicht mehr und nicht weniger. Und dennoch fraß sich die Aufregung durch seinen Körper. Er fuhr erneut mit den Fingern über den Ledereinband und suchte nach einer günstigen Stelle, um ihn zu entfernen. Seine Fingerkuppe fuhr über eine kleine Delle. Mit einem Brieföffner stieß er ein kleines Loch hinein und hob das Leder mit dem Öffner an. Bereitwillig löste es sich und gab einen Blick auf ein simples schwarzes Buch frei. Kein Name, keinen Titel, nichts – nur Schwärze.
Der Realität hielten die wenigsten Geheimnisse des Lebens stand. Es gab immer jemanden, der sie lüftete. Manchmal gehörte auch er zu den Leuten. Meistens waren sie eher beschämend. Dieses Buch war anders. Es sprach einen Teil von ihm an, den er längst an der Realität gescheitert glaubte. Für einen Moment wurde er wieder zu dem kleinen Jungen, für den die Welt ein einziges Mysterium war, tausend Geheimnisse enthielt, die es zu lüften galt. Eines davon hatte er in seinem erwachsenen Vernunftswahn bereits unwiederbringlich zerstört. Er starrte auf das schwarze Buch mit dem Pappdeckel.

Wo meine Geschichte beginnt, vermag ich nicht zu sagen. Wahrscheinlich liegt ihr Ursprung an einem Punkt, der mir nicht bewusst ist. Ich habe lange darüber nachgedacht, wo ich meinen Anfang finden könnte, aber die Fragen entwickelten eine Eigendynamik und wuchsen und wuchsen. Also habe ich beschlossen, einfach zu schreiben. An irgendeinem Punkt in das Geschehen einzusteigen, ohne mir den Kopf zu zermatern, ob ein früherer Anfang nicht sinnvoller erscheinen würde.
Meinen Anfang finde ich bei den Zweifeln, die mich jede Nacht um den Schlaf brachten. Ich hatte alles erreicht, was ich jemals für mich hatte haben wollen. Warum reichte mir das nicht? Was hinderte mich daran, mich darüber zu freuen? Vielleicht ist das der Punkt, an dem es nicht weitergeht, an dem keine Steigerung mehr möglich erscheint. Das Leben verliert seine Magie, es gibt nichts mehr, für das man kämpfen müsste. Aber ist es nicht das, was uns täglich neu antreibt? Die Hoffnung darauf, mehr zu erreichen, besser zu werden, sich selber zu übertreffen. Wie oft ich mir diese Fragen gestellt habe... Dann kam der Wendepunkt, plötzlich, nicht allmählich – wie man es mir immer weis machen wollte.
Die wichtigsten Veränderungen schleichen sich nicht immer an. Manche treffen dich wie ein Vorschlaghammer. Sie kam in Form eines simplen schwarzen Buches mit einem Ledereinband zu mir. Ich habe es nicht lesen wollen, zu absurd wirkte die Situation auf mich. Eine Frau und ein Buch – mitten auf dem Parkplatz. Mein Kopf schmerzte und ich wollte nur noch nach Hause. Da sprach sie mich an.


Warum beschrieb das Buch zweimal diese Situation? Der Autor machte nicht den Eindruck, als wolle er sich fortwährend wiederholen. Und warum zum Teufel analysierte er ein Buch? Er war keiner dieser neunmalklugen Psychologen. Zugegeben, die Geschichte schien recht interessant zu sein, alleine schon, weil sie seine Situation aufgriff. Vielleicht hatte er es mit irgendeiner Psychotante zu tun, die irgendwelche Menschen analysiert und ihnen „das ewige Licht“ schenken wollte. Eindeutig eine Überdosis Esoterik.
Aber seine Erfahrung mahnte ihn auch, nicht vorschnell zu urteilen. Bei seinem ersten Fall musste er diese schmerzliche Erfahrung bereits machen. Zu leicht hatte er eine Wahrheit akzeptiert, die es nur in seinem damals unerfahrenen Kopf gegeben hatte.
Seine Gedanken rotierten. Er brauchte eine Pause. Früher nutzte er die freie Zeit gerne, um mit Saria diverse Ausflüge zu unternehmen, das Funkeln in ihren Augen zu sehen, wenn sie sich freute. Heute waren ihre Augen leer und es überkam ihn das Bedürfnis, sich ins Auto zu setzen und weit weg zu fahren. Vielleicht war er ja zu feige, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Eventuell fehlten ihm auch einfach die Worte. Lächerlich, wenn man bedachte, mit welchem sprachlichen Geschick er seine Klienten vor Gericht verteidigte.

Sein Wagen brauchte dringend Sprit, sonst würde er in den nächsten Kilometern stehen bleiben. Eindringlich leuchtete das rote Lämpchen auf und machte ihm bewusst, wie lange er umhergefahren sein musste. Über ein Ziel hatte er sich keine Gedanken gemacht. Endlich gab es eines. Eine Tankstelle. Etwas simples, aber sehr wichtiges.
Er lenkte den Mercedes nach links und hoffte darauf, fündig zu werden. Die Nacht war dunkel und Saria ärgerte sich sicherlich über sein Verschwinden. Der Wagen keuchte. Gleich würde er stehen bleiben. Ein paar Meter schaffte er noch, bevor der letzte Tropfen Benzin verbraucht war und der Wagen beharrlich seinen Dienst verweigerte. Die Gegend um ihn herum kannte er nicht und schien menschenleer. Na toll. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als den Wagen zurückzulassen und nach einer Tankstelle zu suchen. Er holte den Benzinkanister aus seinem Kofferraum und verschmolz mit der Dunkelheit.

Fortsetzung folgt...
3. Teil

Er griff in seine Tasche und wühlte nach seinem Handy. Verdammt, sicherlich lag es noch im Auto. Ein kurzer Anruf beim ADAC und er hätte sich die Sucherei sparen können. Bestimmt hatten sie die Möglichkeit sein Handysignal zu orten. Es war das naheliegendste und dennoch war es ihm nicht in den Sinn gekommen.
Wie ein dummer Junge stapfte er durch die Dunkelheit und hoffte in seiner Naivität eine Tankstelle zu finden – und danach den Weg zurück zu seinem Wagen. Was war los mit ihm? Kannte er den Weg zurück zu seinem Wagen noch? Nach der längeren Autofahrt vertraute er nicht mehr so sehr auf seine Konzentrationsfähigkeit. Wenn er jetzt nicht umdrehte, würde er den Wagen in dieser Nacht sicherlich nicht mehr wiederfinden. Die Vorstellung behagte ihm nicht. Er drehte um und versuchte sich zu orientieren.
Irgendetwas knackte im Gebüsch rechts neben ihm. Sein Herz pochte laut und er überlegte, ob seine Panik berechtigt war. Wie ein hysterisches Weib wegrennen wollte er nicht, aber so dumm nachzuschauen war er auch nicht. Oft genug ärgerte er sich über die Leichtsinnigkeit irgendwelcher Typen in Filmen.
Mit wachsamen Schritten irrte er weiter durch die dunkle Nacht. Und dann sah er es – seine Rettung. Eine Telefonzelle. Dankbar rannte er darauf zu. Erst als er sie erreichte und den Hörer in die Hand nahm, dachte er darüber nach, ob er sein Portmonee bei sich trug. Die Angst fraß sich wieder in ihm hoch, während er panisch in seiner Jeanstasche wühlte. Seine Hände ertasteten das teure, braune Leder. Dankbar schloss er für einen Moment die Augen. Er öffnete seine Brieftasche und holte ein Eurostück heraus.

Saria schwieg, als sie ihn mit ihrem Jeep abholte.
„Ich muss meinen Wagen finden. Anscheinend habe ich mein Handy darin liegen gelassen.“
Sie sprach kein Wort und auch er schwieg den Rest der Fahrt, so sehr es ihm möglich war, betroffen. Er schämte sich, dass er Hals über Kopf abgehauen war, unfähig, sich ihr mitzuteilen, nur um sie dann um halb 12 abends anzurufen und sie zu bitten, ihn abzuholen. Am meisten traf ihn ihr Schweigen. Wenn keine aktive Kommunikation mehr möglich war, gab es meistens ein Schachmatt. Er kannte es bei seinen Verhandlungen. Ein Zeuge, der einsilbig wurde, brach häufig weg.
Der Gedanke daran, sie zu verlieren, machte ihn traurig und hilflos.
Seine Gedanken wurden unterbrochen, als ihre Scheinwerfer seinen Wagen anstrahlten. „Dort ist er.“ Überflüssige Worte. Natürlich hatte sie ihn gesehen.

Er lag lange wach. Seine Gedanken drehten sich wie ein Karussell abwechselnd um Saria und um das Buch. Er drehte sich zu ihr, betrachtete ihre schlafende Silhouette. Wie schön sie nach all den Jahren immer noch war. Wann hatte er es ihr zum letzten Mal gesagt? Wann hatte er begonnen seine Gefühle totzuschweigen? Nur, dass sie nicht totzukriegen waren. Sie drehten sich wie eine Spirale in ihm und desto mehr er grübelte, desto größer wurde die Spirale.
Traurig erhob er sich und setzte sich in sein heimisches Büro. Fragen, 1000 Fragen und keine Antwort. Vielleicht behielt der Kerl in der Geschichte ja doch recht. Eventuell brachten ihn all die Fragen letztendlich ja doch nicht weiter. Vor Gericht besaßen sie eine Berechtigung, aber in wie fern durften sie bei seiner Liebe zu Saria eine Rolle spielen?
Ratlos holte er das Buch hervor und schlug es auf.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich sie für eine Spinnerin hielt und dennoch ist es mir wichtig. Nicht nur ich habe sie dafür gehalten.

Er stutzte. Gab es weitere Protagonisten, die er noch nicht kannte? Schon möglich. Im Laufe der Geschichte würde sich die Bemerkung des Autors sicherlich klären.

3 Tage gab mir das Buch, es zurückzulegen an diese Stelle, an der es mir überreicht worden war. Natürlich konnte ich es niemals in dieser Zeit zu Ende lesen. Meine Zeit war knapp bemessen, da hatte ich weiß Gott besseres zu tun als nur zu lesen. Ich wollte Antworten, sehnte mich danach, zumal mein Leben nur noch aus Fragen zu bestehen schien. Trotzdem habe ich mich niemals direkt dazu entschlossen, dieses Buch zu lesen. Mehr als einmal habe ich darüber nachgedacht, es innerhalb der 3 Tage zurückzulegen. Was würde geschehen, wenn ich es nicht tat? Meine schlimmste Angst – und das wird mir erst jetzt bewusst – war, dass nichts, aber auch gar nichts geschah. Sicherlich gab es Aufregendes in meinem Leben.
Ich bin und war kein armer dahergelaufener Irrer, der sich einer höheren Macht verschreiben wollte. Mein einziger Wunsch war gemessen an meinem Leben so bescheiden. Ich wollte glücklich sein. Kein Geld, keine Macht, kein Supermodel an meiner Seite. Nur reines Glück.


Er klappte das Buch zu und verstaute es wieder in seiner Schreibtischschublade. Eine Zeitlang saß er einfach nur auf seinem Bürostuhl und dachte über die Zeilen nach. Irgendwas machten sie mit ihm, aber er konnte nicht herausfinden, was. 3 Tage. Würde danach etwas geschehen?
Wenn sie ein Spiel mit ihm spielte, würde sie sicher nicht klein beigeben. Aber wollte er dieses Spiel? Konnte er mit den Konsequenzen wirklich leben? Möglicherweise war sie irgendeine kranke Irre. Aber wer hatte dann dieses Buch geschrieben? Der Autor machte nicht den Eindruck, dass er die Zeilen einfach so auf das Papier „geschmiert“ hatte. Seine Gedanken wirkten wohldurchdacht.
Er gähnte, erhob sich und legte sich wieder zu Saria ins Bett. Sie lag nah bei ihm und er dachte daran, über ihre Wange zu streicheln und sie zärtlich zu küssen. Wie sehr er sie vermisste. Dann schlief er ein.
Der Sonntag begann mit Regen, der gegen die Scheiben klatschte. Kein Sonnenschein. Saria lag neben ihm und atmete gleichmäßig. Immer noch müde öffnete er die Augen und blinzelte dem hellen Tag entgegen. Halb 8, nicht spät genug, um ein Aufstehen am Sonntag zu rechtfertigen. Er drehte sich mit dem Rücken zum Fenster und schloss die Augen wieder.
3 Tage und heute ist der zweite davon. Das Gedankenkarussell nahm auf seine Erschöpfung keine Rücksicht. Wie gewohnt. Unwillig erhob er sich und setzte Kaffee auf. Wenn er schon nicht mehr schlafen konnte, wollte er sich zumindest nicht sinnlosen Grübeleien hingeben. Der Kaffee verfehlte seine Wirkung. Die erhoffte morgendliche Power blieb aus. Er holte beim Bäcker Brötchen und deckte den Tisch, während weiterer Kaffee durch die Kaffeemaschine lief.
Früher hatte er oft für Saria das Frühstück gemacht und sie mit einer Tasse der dampfenden Flüssigkeit geweckt. Heute fragte er sich, ob sie sich darüber freuen würde. Noch bevor er eine Entscheidung treffen konnte, öffnete sich die Schlafzimmertür. Sarias Haar stand zu allen Richtungen ab und umrahmte sie. Sie erfasste die Situation und er sah die Überraschung auf ihrem Gesicht. Dann lächelte sie – und schwieg. Er schüttete ihr Kaffee in ihre Tasse und stellte sie auf ihren Platz. Schweigend nippte sie daran und schmierte sich ihr Brötchen.
Danach lehnte sie sich zurück. „Ich bin schwanger.“ Seine Hand zitterte. Heißer Kaffee platschte auf den Tisch und traf seinen Arm. Fluchend stellte er die Tasse ab. Erst dann sah er sie an.

Fortsetzung folgt... (aber nicht mehr heute)
Hallo Bonnie_rat,

tolle Geschichte!

Gruß
fich Abhau
Hallo Fich,

danke und schön, wenn sie dir gefällt.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass sie ansonsten nicht gut hier ankommt. Sehr schade - nur weil sie nicht sofort mit irgendwelchen SM- oder Fetischszenen zu tun nehme ich mal an. Kann mich natürlich auch irren, aber das ist so mein Eindruck. Aus diesem Grund denke ich, dass ich die Geschichte nicht weiter hier posten werde.

Lieben Gruß

Bonnie rat
NEIN!

Das darfst Du nicht einmal denken! Ich habe diese sehr einfühlsame Geschichte mit großer Spanung gelesen und so, wie ich Dich einschätze, erwartet uns noch großes.

Ich knie mich jetzt mal vor den PC und neige mein Haupt, bevor ich sage:

"Bitte, bitte, gütigste Bonnie_rat, erlöse uns von unserem Leiden und schenke uns in Deiner großen Güte das Ende dieser wundervollen Geschichte!"

Ansonsten endet das nachher so: HpHpHpHp[/b][/size]
Aber auch nur weil du es bist. Icon_smile_wink

Hier beginnt die entscheidende Wende...

Bonnie rat


4. Teil

„Schwanger.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und senkte den Kopf. „Wie konnte das passieren? Wir haben doch verhütet. Du nimmst doch die Pille?“
Mit einem Quietschen wurde ihr Stuhl weggeschoben. „Unterstellst du mir, dass ich es darauf angelegt habe?“ Ihre Stimme zitterte fassungslos.
„Hast du?“ Die Worte waren schneller ausgesprochen, als er darüber nachdenken konnte.
Wortlos verließ sie die Küche.
Er räumte den Aufschnitt in den Kühlschrank, packte die Brötchen weg und spülte ab. Danach sah er aus dem Küchenfenster. Ihr Jeep parkte nicht länger in der Einfahrt. Sie würde wiederkommen – wo sollte sie auch ohne Kleidung zum Wechseln und ohne ihre Geldtasche hin?
Eilig packte er ein paar Klamotten und Hygieneartikel in seinen Reisetrolley und legte ihn in den Kofferraum des Mercedes. Dann ging er zurück in sein heimisches Büro, um wichtige Dokumente bezüglich seiner offenen Fälle einzupacken.
Als er das Haus verließ, fragte er sich einen Moment, ob es ein Abschied für immer sein würde. Sarias verletzter Blick, kurz bevor sie aus dem Haus gestürmt war, brannte sich in sein Gehirn. Hatte sie oder hatte sie nicht?
Traurig schüttelte er den Kopf, um den Gedanken zu verscheuchen, und stieg in den Mercedes. Er dachte daran, dass er würde tanken müssen. Viel Sprit fasste der Benzinkanister leider nicht. Die nächste Tankstelle war allerdings nur einen Katzensprung entfernt. Problemlos trug ihn der Wagen bis zur Zapfsäule und schließlich in die Kanzlei.

Als er Montagmorgen erwachte, tat ihm der Rücken weh. Er hob den Kopf von seinem Schreibtisch, streckte sich und gähnte. Vor ihm lag immer noch der Fall, über den er bereits eine Woche brütete. Eigentlich hatte er ihn gar nicht annehmen wollen. Es gab zu viele Ungereimtheiten, zu viele Dinge, die ihn erheblich störten. Desto mehr er sich mit ihm beschäftigte, desto unsympathischer wurde er ihm. Allerdings wurde er nicht für Sympathien bezahlt. Die knallharte Wahrheit schmeckte ihm nicht, aber es war sein verdammter Job auch entgegen seines Bauchgefühles, den Klienten zu vertreten. Jeder Mensch verdiente eine Verteidigung. Eine wichtige Regel, die man ihm eingebläut hatte. Nicht hinterfragen, sondern seinen Job tun.
Früher besaß er genug Naivität zu glauben, er könne die Welt verbessern, heute wusste er, dass die Welt sich nicht verändern ließ. Sie funktionierte und jeder Mensch machte nur einen Bruchteil von ihr aus. Ein kleines Licht am Himmel, nicht mehr und nicht weniger.
Er schaute auf seine Armbanduhr. Viertel vor neun. Wie gewohnt warf er einen Blick zu seinem Terminkalender, der vor ihm an der Wand hing. Heute hatte er keine Termine. Vage erinnerte er sich daran, sie abgesagt zu haben. Wenn er seinen Fall gewinnen wollte, wartete noch eine Menge Arbeit auf ihn.
Der Tag gehörte den Akten, die er akribisch durchging und nach wichtigen Hinweisen durchforstete. Zwischendurch erhob er sich, um Kaffee aufzusetzen. Die Welt um ihn herum begann sich wie ein Kreisel zu drehen. Wann hatte er das letzte Mal etwas gegessen?
Er bestellte sich eine Pizza und trug die Tasse mit dem frischen Kaffee zu seinem Schreibtisch. Seine Gedanken weigerten sich, sich mit den Akten auseinander zu setzen. Ständig schweiften sie ab. Das Gedankenkarussell begann sich schneller und schneller zu drehen. Ungeduldig blickte er auf seine Armbanduhr. Viertel nach sieben. Wo blieb der Lieferdienst nur?
Ein helles Läuten durchdrang seine Gedanken. Endlich. Langsam erhob er sich und schleppte sich zur Tür. Hoffentlich kippte er nicht um. Er tastete sich vorsichtig weiter. An der Tür angekommen, betätigte er den Türöffner, riss die Tür auf und wartete ungeduldig. Unten wurde die Haustür geöffnet. Schritte – dann das Summen des Aufzugs. Angespannt tippte er auf seine Armbanduhr. Die Aufzugtür öffnete sich. Zwei Frauen im Businessdress verließen ihn. Eine Pizza trug keine von beiden bei sich. „Herr Berg?“ Die ältere von beiden blickte ihn fragend an. „Ja.“ Wo blieb die Pizza?
Aus den Augenwinkeln sah er ihn auf sich zukommen. Es war zu spät. Er konnte dem Schlag der Jüngeren nicht mehr ausweichen.
Vielen Dank! Für die Fortsetzung und für die Ehre, die Du mir zuteil werden läßt. Wir sind alles neugierig, wie es weitergeht und vielleicht findet ja der eine oder andere auch noch ein paar aufmunternde Worte!
Das ist wirklich eine schöne Geschichte, aber ich grübele schon immer, sie kommt mir irgendwie bekannt vor.
Ich hab ähnliches schon mal gelesen, weiss nur nicht mehr, wo und wann das war.
Ich warte jetzt erst mal den Verlauf ab, vielleicht fällt es mir wieder ein.
@ Anne: Danke. Interessant, dass sie dir bekannt vorkommt. Würde mich mal interessieren, was das für eine Geschichte ist, die meiner ähnlich klingt. Diese bin ich gerade noch am schreiben.

Lieben Gruß

Bonnie
ja Bonnie, wenn ich mich nur erinnern könnte, die Geschichte, die ich meine habe ich vor schon langer Zeit mal gelesen, ich weiss ja nicht mal mehr, ob es ein Buch oder eine Geschichte im Internet war. Ich hatte mal ein Buch mit S/M-Kurzgeschichten, so erotisch angehauchte Sachen. Das Buch ist nach meinen vielen Umzügen nicht mehr aufzufinden. Kann sein, dass mich deine Geschichte daran erinnert. Aber ich will hier nicht die Spannung rausnehmen, darum schreibe ich nicht, wie sich die Geschichte in meiner Erinnerung weiterentwickelt. Das wäre ja mehr als fies für die Leser deiner Geschichte.
Natürlich bin ich schon gespannt auf die Fortsetzung deiner Geschichte!
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