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Normale Version: Der Vollzug
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Kevin war kein schlechter Mensch. Er hatte einfach Pech gehabt. Zwei Monate nachdem er seine Ausbildung abgeschlossen hatte, hatten sie ihn gefeuert. Kurz danach hatte seine Freundin ihn verlassen. Für einen anderen, einen Eishockeyspieler. So einen Typen mit Sixpack und Muskeln wie Arnold Schwarzenegger. Als er dann seine Miete nicht mehr zahlen konnte, hatte er durchgedreht. Mit seiner geladenen Sportpistole war er in eine Tankstelle gestürmt, hatte den Kassierer zu Tode geängstigt und läppische 2500 Euro erbeutet. Kaum eine Stunde später hatten sie ihn gekriegt.
Sechs Monate später hieß es dann „bewaffneter Raubüberfall“. 6 ½ Jahre ohne Bewährung. Er hatte wieder Pech gehabt. Gerade 21 geworden war das Jugendstrafrecht nicht mehr auf ihn anwendbar. Als die Revision abgelehnt wurde, war er am Ende. Aber im Moment, indem alles verloren war, schien als, als würd sich das Blatt wenigstens ein bisschen wenden.
Die Gerichtskammer hatte ihn in eine neue Art des Vollzugs gesteckt. Ein französisches Modell. Statt der klassischen Haftunterbringung in einer geschlossenen Zelle mit gemeinsamen Mittagessen, Arbeit und Hofgang war er in einer „Vollzugsgemeinschaft“ untergebracht.
Sein Leben sollte ihn nach Siegburg, in Block 18 führen. Hier gab es vier Zellen á 2 Personen. Das Besondere an diesem Block war, dass zwei Zellen von Frauen und zwei Zellen von Männern bewohnt wurden.
Das Konzept hinter dem „französischen Vollzug“ war ganz im Stile einer umfassenden Resozialisierung ausgerichtet. Statt den Strafgefangenen aus der Gesellschaft zu reißen integrierte man ihn in eine neue soziale Einheit. Der Block bestand aus den vier Zellen, sowie einem Gemeinschaftsraum. Im Prinzip war es also eine große geschlossene WG.
Von der merkwürdigen Häftlingsstruktur abgesehen gab es aber wenig Unterschiede zum normalen Vollzug. Bei der Ankunft in der JVA Siegburg wurde er streng eingewiesen und durchsucht. Vor einem älteren Arzt hatte er sich auszuziehen und sich untersuchen zu lassen. Danach durfte er seine Privatkleidung wieder anziehen und wurde zur Zelle geführt. Während der Block an sich abgeschlossen war, waren die Zellentüren tagsüber geöffnet.
Der Block war modern trist. Die Wände waren weiß verputzt, dahinter verbarg sich die simpelste mögliche Variante Stahlbeton. Die Zellentüren schwer, auch der Gemeinschaftsraum hatte so eine. Während der Wärter ihn zu „seinem“ Raum brachte hörte er Stimmen aus diesem Raum. Offenbar waren sie nicht bemerkt worden. Die Zelle die er bewohnen sollte war recht modern eingerichtet. Es gab ein eigenes WC in einer abgeschlossenen Toilettenzelle. Zwei einfache betten in Blauweiß kariertem Bezug, zwei Schreibtische und Stühle, ein modernes Radio und einige Bücher, sowie Zeitschriften.
Da der Zellenkamerad nicht anwesend war, rief der Wärter ihn. Marcus trat aus dem Gemeinschaftraum und traf Kevin und den Wärter in seiner Zelle. Der Wärter stellte sie beiden einander vor, forderte Marcus auf Kevin anständig zu behandeln und ging wieder.
Marcus war ein großer bulliger Typ. In etwa 1,90, kurze braune Haare. Er trug Straßenkleidung, braune Schuhe und eine weite Jeans. Er war in seiner Vergangenheit ein brutaler Schläger gewesen und saß nun ein wegen schwerer Körperverletzung. Schnell machte er Kevin klar, wer das Sagen hatte.
Unmittelbar nachdem der Wärter weg war fing er sich eine Schelle ein. Kevin, verdutzt von der Reaktion seines „Mitbewohners, hielt schützend seine Hand vors Gesicht. „Hörzu du Stück Scheiße, hier drin hab ich das Sagen und du tust was ich dir sage ist klar!?“. Kevin, noch immer erschrocken von der Ohrfeige, antwortete nicht. Marcus quittierte dies mit einem moderaten Schlag ins Gesicht. Kevin nun zurückweichend wimmerte jämmerlich „Klar“. „Gut, dann sind wir uns ja einig. Alles in diesem Zimmer gehört übrigens mir. Du rührst nichts an, hast du das kapiert? Außerdem redest du mich mit Herr und Meister an, verstanden?“. „Ja“, antwortete Kevin und fing sich schon wieder eine Ohrfeige ein. „Wie bitte?“. „Ja, Herr und Meister“. „Sehr schön. Du packst jetzt deine Sachen neben die Toilette, dass ist ab jetzt dein Schrank. Danach kriechst du auf allen Vieren rüber in den Gemeinschaftsraum, damit ich dich den anderen vorstellen kann, kapiert?“. „Ja, Herr und Meister.“.
Während Marcus wieder den Raum verließ, packte Kevin mit zitternden Händen seine Sachen neben der Toilette aus. Der Boden war schmierig, es roch süffisant nach Urin. Die Klobrille war vergilbt. Kevin wurde sich langsam seiner Lage bewusst. Er war hier in der Zelle ganz unten. Sein „Herr und Meister“ hatte hier das Sagen. Und er wollte ihn offenbar nach ganz unten in der Zelle stellen. Während er seine Sachen in das klebrige Gemisch aus Urin und Dreck stellte, verzweifelte er langsam aber sicher an der Vorstellung jeden Moment auf allen Vieren in den Gemeinschaftsraum zu kriechen. Spätestens ab diesem Moment an, wäre sein Schicksal hier besiegelt gewesen.
Doch Marcus auftritt hatte ihn zu sehr in Angst versetzt. Zu sehr hatten die Ohrfeigen und der Hieb gesessen. Während in mit wackligen Beinen zum Gemeinschaftsraum stolperte, fühlte er, wie er sich langsam hinkniete. Er atmete tief durch und stieß dann die leicht geöffnete Tür auf und krabbelte hinein.
Drinnen erwarteten ihn seine 7 Blockgenossen. Sie hatten es sich auf alten Sofas um einen billigen Holztisch gemütlich gemacht. Als sie Kevin erblickten, fingen sie an zu lachen. Mit einem Ohr hörte er „Der Neue?“. Er spürte wie sie frohlockten über den kriechenden Typen. Vor Scham senkte er seinen Blick.
Neben Marcus saßen noch zwei andere Männer im Raum. Falk und Max. Beide saßen ein, wegen Raubüberfällen. Sie waren auf anderem Wege als Kevin in die Kriminalität abgerutscht. Beide waren äußerst brutal und stets auf ihren Vorteil berannt. Sie bewohnten die andere Männerzelle.
Die erste Frauenzelle wurde von Jessica, einer zierlichen blonden Frau mit weißen Superstars an den Füßen, sowie Röhrenjeans an den Beinen und von Melinda, einer dunkelhaarigen süßen Ostdeutschen Frau bewohnt. Beide waren wie Marcus in etwa 26 Jahre alt. Jessica saß ein wegen Menschenhandel. Zusammen mit ihrem polnischen Ex-Freund hatte sie junge Mädchen und Männer aus der Ukraine „importiert“ und dann auf den Straßenstrich geschickt. Davon hatte sie einige Zeit hervorragend gelebt, war aber letztendlich doch aufgeflogen.
Melinda saß ein wegen gefährlicher Körperverletzung in einem besonders schweren Fall. Eigentlich war sie Pflegehelferin und hatte einige Jahre in einem Altenheim gelebt. Zusammen mit einer jüngeren Kollegin hatte sie aber irgendwann begonnen einige ihrer Betreuten zu quälen. So drückte sie unter anderem Zigaretten auf ihnen aus und spuckte ihnen in den Mund.
Die anderen beiden Mädchen trugen die Namen Ricarda und Diellza. Diellza kam aus Serbien und saß wegen schwerer Körperverletzung. Sie hatte mit ihrer Mädchengang Jugendliche in Hamburg gequält und nun die Quittung dafür bekommen. Ricarda war durch und durch kriminell. Angefangen hatte es mit Diebstahl, weitergegangen war es mit Raub, geendet hatte es mit Gefängnis.
Diese Menschen sollten nun Kevins neue „Familie“ sein. Eine grausame Familie, schließlich ließen sie ihn wie ein Tier vor ihnen knien. Marcus hatte es übernommen ihn vorzustellen. Sein Name war von nun an „Stück Scheiße“. So sollte er auch die nächsten Jahre gerufen werden und er war „etwas weniger Wert als der Dreck unter den Schuhsohlen“. Zumindest hatte Marcus ihn so vorgestellt. Während er sich schämend in die Gesichter seiner Mitbewohner blickte erkannte er, dass jeder einzelne von ihnen diese Situation genoss. Nur Diellza hatte kein Lachen aufgesetzt. Ihr Blick war kalt und starr. Kevin war nicht sicher, ob ihn das beruhigen oder in Panik versetzen sollte.
Die Runde hat nun begonnen Witze über ihn und sein Äußeres zu machen, als Max sich auf einmal auf seinen Rücken setzte und ihn unter breitem Gelächter durch den Raum ritt. Jessica war aufgestanden ihn trieb ihn durch kräftige Tritte in den Hintern an. Anschließend durfte auch Falk und danach Ricarda einmal reiten. Kevin lies die erniedrigende Prozedur über sich ergehen, und betete nur noch, dass er in seine Zelle gehen durfte. Nach einer halben Stunde hatte die Gruppe das Anfangsinteresse an ihm verloren.
Melinda meinte, dass er doch am besten arbeiten sollte und führte ihn zu Toilette in ihrem Zimmer. Sie drückte ihm einen alten Lappen in die Hand und sagte „Saubermachen!“ und verließ wortlos den Raum. Erleichtert nicht mehr den grausamen Blicken seiner Mithäftlinge ausgeliefert zu sein begann Kevin zu putzen. Er war schnell, die Toilette war aber auch in einem besseren Zustand als die seines „Herrn und Meisters“. Nach 10 Minuten war er fertig, die Toilette von Melinda und Diellza war gereinigt. Er wollte sich gerade in sein Zimmer schleichen und möglichst viel Abstand von den anderen halten, als er eine erboste Stimme hörte.
Mit einer für eine Frau recht dunkle Stimme beschwerte sich Diellza offenbar über Jessica, die ihr Kaugummi auf den Boden gespuckt hatte. Diellza war hinein getreten und nun klebte es an ihrer Schuhsohle. „Hol das fette Stück Scheiße her, der soll das ablecken!“ Ahnend was ihm blühte zog sich Kevins Adrenalin durch seine Venen. In kaum beachtend trat Jessica an ihn heran, griff ihn am Ohr und zerrte ihn schmerzhaft zu Diellza. Diese hatte auf einem der Sofas platzgenommen. Jessica drückte Kevin nach unten und führte sein Gesicht zu Diellzas Schuhsohle. Sie trug schwarze Halbschuhe mit einer braunen Sohle. Das Profil war gerillt und nur wenig abgelaufen. Die Schuhe schienen ganz neu zu sein. „Leck das ab, du Stück Scheiße!“, kam es von oben mit kalter Stimme. Kevin zögerte zunächst, begann jedoch schnell damit das Jessicas Kaugummi von ihren Schuhen zu lecken. Während Jessica lachte, löste sie ihren Griff um sein Ohr und trat einen Schritt zurück.
Kevin konnte nun in Diellzas Gesicht eine sadistische Form der Befriedigung sehen. Später würde er sich oft fragen, ob Diellza diesen Blick auch aufgesetzt hatte, wenn sie einen Jugendlichen mit ihrer Gang fertig gemacht und ausgeraubt hatte. Im Moment aber, spürte er wie sein Blutdruck stieg. Diellza sprach ihn ruhig an „Fein gemacht, du Stück Scheiße. Siehst du die Schuhe da? Morgens um 6.00 Uhr werden die Zellen geöffnet um 8.00 Uhr, wenn es Frühstück gibt stehe ich auf. Ich lasse diese Schuhe ab jetzt jeden Tag vor meiner Zelle stehe. Du wirst sie putzen, jeden Tag! Und wehe du vergisst es einmal, kapiert!“. Noch bevor Kevin irgendwie reagieren würde, hörte er sich „Verstanden“ winseln. „Jetzt geh, verpiss dich.“, warf ihm Diellza nach.
Beschämt schlich er in seine Zelle. Marcus hatte sich mit Max und Falk in deren Zelle zurückgezogen. Offenbar pokerten sie, zumindest war das den Stimmen zu entnehmen. Melinda und Ricarda waren nicht zu sehen. Verstohlen schlich Kevin auf die Toilette. Seine Sachen war feucht, offenbar hatte Christian sie vollgepinkelt. Schwer durchatmend zwang er sich zum Bett und legte sich angezogen hin. Dies war der erste Moment des Friedens in diesem Gefängnis.
Bisher war bereits geschlagen worden, hatte ein Klo säubern müssen und einer jungen Frau die Schuhsohlen lecken müssen. Er fühlte sich erniedrigt, spürte wie seine Würde ihn kratzte. Dennoch genoss er den Moment der Ruhe. Unterbrochen wurde er eine halbe Stunde später. Es gab Abendessen. Eine junge Wärterin hatte es hereingebracht. Weißbrot, Mettwurst, Magarine und einen Becher Milch.
„Serviert“ wurde das Ganze im Gemeinschaftsraum. Die Tabletts standen auf dem Tisch und die Runde hatte auf den Sofas platzgenommen. Noch während die junge Wärterin im Raum war, wurde Kevins Essen aufgeteilt. Das meiste hatte sich Marcus genommen. Nur die Milch war an Ricarda gegangen. „Nehmt den Neuen aber nicht zu hart ran!“, entgegnete die Wärterin der Situation. Scheinbar war es hier normal, dass Neulinge so behandelt wurden.
Die Wärterin verlies den Raum. Die Sofas waren voll besetzt und Kevin verstand ein Zeigen von Marcus sich auf den Fußboden zu setzen. Er wollte gerade beginnen, seine karge Scheibe Weißbrot zu verzehren, als auf einmal Melindas Kopf über seinem Essen schwebte. Sie öffnete ihren Mund spuckte ihre Milch auf sein Brot. Mit den Kessen Worten „Da haste was zu trinken“ löste sie Heiterkeit aus. Kevin wollte das Brot nun nicht mehr essen. Er hatte zwar Hunger, aber so groß war er auch wieder nicht.
Erwartungsvoll blickte die Runde ihn an. „Friss das jetzt!“ kam die Aufforderung von Melinda. Kevon kämpfte mit sich, letztendlich überwog aber der Respekt vor den Übrigen und so verzehrte er das Brot unter einem hellen Kichern der Mädchen so schnell er konnte.
Bald nach dem Abendessen wurde eingeschlossen. Marcus und er waren nun allein im Raum. „Wenn du schnarchst oder mich auf weckst, bring ich dich um!“, gab er ihm in seinen Schlaf mit. Bald schon war Kevin aber eingeschlafen, während Marcus noch mit Hilfe seiner Playboys etwas Spaß hatte. Doch der nächste Tag sollte bald kommen.
Da hatte der Kevin ja einen sehr interessanten ersten Tag gehabt - gut geschrieben, wird der weitere "Hafturlaub" auch gepostet ? Wenn ja, dann sei doch bitte so gut und füg ein paar Leerzeilen ein zwischen den Absätzen, erleichtert das Lesen und es wäre schade, wenn man den Text nur noch verschwommen vor sich hat, dafür liest er sich zu gut.

gruß chris
Das klingt ja spannend, wenn Du die ganzen 6,5 Jahre schildern willst, hast Du ja noch viel vor...

Wie bist Du auf den Namen Diellza gekommen? Sieht so überhaupt nicht serbisch aus.
Albanisch. Die Leerzeilen sind beim Einfügen verschwunden, mach ich morgen richtig...
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